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19. November 2005

Noch keine Entwarnung in Niger

Thilo Hoppe MdB über die Hungersnot im Sahel-Staat

Im Sommer dieses Jahres gingen Schreckensbilder von extrem unterernährten Kindern aus dem Niger um die Welt. Das afrikanische Land ist inzwischen wieder aus den Schlagzahlen verschwunden. Doch obwohl die jetzt eingefahrene Ernte gut ausgefallen sei, käme eine Entwarnung zu früh. Dies meint der Auricher Bundestagsabgeordnete Thilo Hoppe (Bündnis 90/Die Grünen), der jetzt von einer neuntägigen Niger-Reise zurückgekehrt ist. Er informierte sich vor Ort über die Hintergründe der Hungersnot und die aktuelle Lage in der Sahel-Zone. Dabei besuchte er auch in Zeltkliniken untergebrachte therapeutische Ernährungszentren von "Ärzte ohne Grenzen" in Maradi und Zinder und sprach in der Hauptstadt Niamey mit der nigrischen Außenministerin Aichatou Mindaoudou.

Einsatz der Ärzte ohne Grenzen

Zeltklinik von Ärzte ohne Grenzen
Die Bilder zeigen Mütter und ihre unterernährten Kinder
in den Zeltkliniken von "Ärzte ohne Grenzen".

Sowohl die Außenministerin als auch mehrere nigrische Parlamentarier, mit denen Hoppe sprach, machten in erster Linie klimatische Einflüsse und die Heuschreckenplage für die Missernte des Jahres 2004 verantwortlich, die im Frühjahr 2005 zum Ausbruch der Hungersnot geführt hatte. Dass ein Ernterückgang von nur elf Prozent dazu führen konnte, dass mehr als zwei Millionen Menschen nicht mehr genug zu essen hatten, wurde damit erklärt, dass das Sahel-Land aufgrund fortschreitender Wüstenbildung, einer sehr rückständigen Landwirtschaft und des enormen Bevölkerungsdrucks mit einer Geburtenrate von mehr als acht Kindern in Sachen Ernährungssicherheit ständig am Limit operiere.

Aussenministerin Niger und Hoppe
Thilo Hoppe im Gespräch mit der nigrischen
Außenministerin Aichatou Mindaoudou

Stutzig machte Hoppe jedoch die Tatsache, dass ausgerechnet in den beiden fruchtbarsten Regionen des Nigers – Maradi und Zinder - , die als die Kornkammern des Landes gelten, die Zahl der Hungernden am größten war und noch immer ist. Hoppe besuchte die therapeutischen Ernährungszentren von "Ärzte ohne Grenzen" in Maradi und Zinder, in denen auch in der letzten Oktoberwoche jeweils mehr als 1200 extrem unterernährte Kinder aufgenommen und behandelt wurden.

"Ärzte ohne Grenzen" schätzt, dass noch immer bis zu 20 Prozent der Kinder in diesen beiden Regionen schwer unterernährt sind und ärztlich behandelt werden müssten. Bis Jahresende wird wohl die Zahl von 50 000 kleinen Patienten überschritten sein, die in den Zeltkliniken von "Ärzte ohne Grenzen" medizinisch behandelt und behutsam wieder aufgepäppelt werden.

Den internationalen Ärzteteams gelingt es, rund 95 Prozent ihrer Patienten zu retten – das heißt, ihre bedrohliche Unterernährung, die oft von Krankheiten wie Malaria oder Durchfall begleitet ist, in den Griff zu bekommen, den Gesundheitszustand der Kinder zu stabilisieren, zu erreichen, dass sie wieder zunehmen und nach etwa zwei bis drei Wochen als "geheilt" entlassen werden können.

Den Müttern, von denen viele ebenfalls eine medizinische Behandlung und Schulung bekommen, werden bei der Entlassung Essensrationen, bei Bedarf auch noch Medikamente und ein Moskitonetz mit auf den Weg gegeben.

Doch es ist ein Weg in eine ungewisse Zukunft. Wenn sich an den Lebensumständen nicht etwas grundlegend ändert, könne es sein, dass die erfolgreich behandelten Kinder in wenigen Monaten schon wieder an dem gleichen lebensbedrohlichen Punkt angelangt seien. So die Einschätzung vieler Mitarbeiter von "Ärzte ohne Grenzen", mit denen Thilo Hoppe sprach.

Auf der Suche nach Antworten auf die Frage, warum das Hungerproblem ausgerechnet in den beiden fruchtbareren Regionen am größten ist, stieß der Entwicklungsexperte der grüne Bundestagsfraktion auf recht unterschiedliche Erklärungsmuster. Die einen verwiesen auf sozio-kulturelle Ursachen, die in den polygamen Strukturen der Haussa, einer Vernachlässigung der Kinder besonders durch die Väter und ihren vom Aberglauben geprägten Vorurteilen gegenüber Brunnenwasser, Eiern, Milch und Gemüse lägen. Bei den Haussa sei es üblich, sich ausschließlich von den beiden Getreidesorten Sorghum und Hirse zu ernähren.

Andere Gesprächspartner wiesen dieses Erklärungsmuster mit Nachdruck zurück und bezeichneten es als Ablenkung von den strukturellen Ursachen, die in den skrupellosen Machenschaften der Händler und Spekulanten zu suchen seien. Nach den Missernten sei vielen Bauern nichts anderes übrig geblieben, als sich Getreide bei den Händlern zu leihen. Diese Schulden müssten nun zu einem Wucherzins von bis zu 300 Prozent wieder zurückgezahlt werden, was dazu führe, dass viele Familien weit mehr als die Hälfte ihrer jetzigen Ernte – manche sogar bis zu 90 Prozent – dem Gläubiger überlassen müssten.

Im Dunkeln läge auch der grenzüberschreitende Handel. Als es in der gesamten Region zu Engpässen gekommen sei, hätten Händler aus Nigeria große Getreidemengen für die zahlungskräftigere Kundschaft in dem reicheren Nachbarland aufgekauft.

Inzwischen hat die nigrische Regierung die Ausfuhr von Hirse und Sorghum nach Nigeria verboten. Doch bei entsprechender Bestechung der Zöllner sei es kein Problem, das Getreide über die Grenze zu schaffen, wurde Hoppe berichtet.

Bei Auswertungsgesprächen mit Vertretern verschiedener internationaler Hilfsorganisationen kam Hoppe zum Ergebnis, dass nur ein multidimensionaler Ansatz die Lage im Niger zum Positiven verändern kann. Sowohl die nigrische Regierung als auch die im Niger tätige internationale Gemeinschaft müsse der Ernährungssicherung aller erste Priorität einräumen. Dazu gehöre es, mit der Aufstockung einer nationalen Nahrungsmittelreserve nicht nur eiserne Vorräte für den Fall von Missernten anzulegen sondern durch Marktintervention auch extremen Preisschwankungen und Spekulation entgegenzuwirken.

Unumgänglich sei eine Produktionssteigerung der Landwirtschaft – allerdings auf eine Art und Weise, die angepasst, Kosten sparend und Ressourcen schonend sei. Der Wüstenbildung durch Bodenerosion müsse entgegengewirkt werden.

Thilo Hoppe hat bereits nach der Reise ein erstes Gespräch mit Entwicklungsministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul geführt und will sich mit Nachdruck dafür einsetzen, dass Deutschland durch eine geschickte Kombination von humanitärer Hilfe und langfristig angelegter Entwicklungszusammenarbeit die nigrische Regierung sowohl dahin drängt als auch darin unterstützt, auf allen Ebenen Reformen in Gang zu bringen, die zur nachhaltigen Ernährungssicherung beitragen.