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„Länger arbeiten für den Aufschwung … und weniger Zeit für die Familie?“ Mit dieser Frage konfrontierte am 11. März 2005 der Bundestagsabgeordnete Thilo Hoppe (B’90/Die Grünen) seine Podiumsgäste, die er im Rahmen der Veranstaltungsreihe „Grüner Salon“ in das Kultur- und Bürgerzentrum Barenburg in Emden eingeladen hatte.

Arbeitszeitforscher Prof. Dr. Helmut Spitzley, Wirtschafts- und Sozialwissenschaftler an der Universität Bremen und Hauptgesprächspartner dieses Abends, entwickelte für die interessierte Zuhörerschaft ein neues Leitbild. Nicht längere Arbeitszeiten, sondern Arbeitszeitverkürzung sei unter den heutigen Bedingungen wirtschaftspolitisch sinnvoll. Vor dem Hintergrund, dass immer mehr Menschen erwerbstätig sein wollten, gesellschaftlich aber weniger Arbeitszeit benötigt würde, zog er die logische Schlussfolgerung: „Die Arbeitszeit muss fallen.“ Insbesondere bei hoher Arbeitslosigkeit sollte die durchschnittliche Arbeitszeit sinken und nicht, wie von der Union gefordert, steigen.
Arbeitszeitverlängerung zur Behebung von Massenarbeitslosigkeit anzustreben sei kurzsichtig und aus mehreren Gründen nicht zielführend: wirtschafts- und beschäftigungspolitisch betrachtet könnten zusätzliche Arbeitsplätze nur dann entstehen, wenn die Wirtschaft jedes Jahr um mindestens 2% wachse, in Zeiten hoher Arbeitslosigkeit müssten es über Jahre hinweg sogar 4-5% Wachstum sein. Unter den heutigen Bedingungen seien solche Wachstumsraten aber kaum realistisch. Auch gesundheitspolitsch sei Arbeitszeitverlängerung kontraproduktiv, da steigende Arbeitszeiten erfahrungsgemäß zu mehr arbeitsbedingten Erkrankungen und damit verbunden zu mehr gesellschaftlichen Kosten führten. Last but not least sei es auch demografisch kurzsichtig, wenn Familien weniger Zeit für ihre Kinder hätten.
Für die Zukunft müssten zwei verschiedene Formen des Wohlstands ausdifferenziert werden, der materielle und der zeitliche Wohlstand. „Es ist eine Mär, dass Deutschland Freizeitweltmeister ist“, stellte Spitzley fest. Der Arbeitszeitforscher, selbst Mitglied einer Kampagne, in der sich Männer gegen längere Arbeitszeiten einsetzen („Männer gegen länger“), resümierte dann auch: „Wir müssen Vollzeitbeschäftigung heutzutage grundsätzlich neu definieren“, und forderte auf, die vorhandene Arbeit fair auf möglichst viele Arbeit suchende Menschen zu verteilen. „28 bis 30 Stunden ist die vorstellbare verfügbare Arbeitszeit pro Erwerbstätigen“, postulierte Spitzley und nennt dies Modell „kurze Vollzeit für alle“.
Dem konnte sich Dr. Reinhard Penzek, Leiter des Personalwesens beim VW-Werk in Emden nicht so ohne weiteres anschließen. Für ihn sei nicht die Frage nach der Arbeitszeit entscheidend, so Penzek, sondern die Frage, „Verkaufen wir das, was wir erarbeiten oder nicht?“ und da stünde Deutschland nicht nur mit Frankreich und Skandinavien im Wettbewerb, sondern auch mit Malaysia und Polen. Maßgeblich für die Länge der Arbeitszeit sei die Nachfrage des Kunden.
Wilfried Alberts, 1. Bevollmächtigter der IG Metall Emden stellte diesbezüglich die Frage, ob das Absatzvolumen für eine 40 Stunden-Woche überhaupt vorhanden sei. Wenn nicht, dann würde eine Arbeitszeitverlängerung zu Beschäftigungsreduzierung führen. Insbesondere die materielle Basis einer Familie sei entscheidend. Seine Bedenken präzisierte er anhand des Beispiels einer Frau, die in einer Zuliefererfirma 38,5 Stunden arbeitet und 1500,- € brutto verdient. Wie solle diese Frau eine Familie ernähren, wenn sie 5 Stunden weniger in der Woche arbeiten würde? „Da wir in Deutschland zu wenig Arbeit haben, kann nur dann eine Debatte über die Arbeitszeit erfolgen, wenn auch eine Debatte über die Verteilung des gesellschaftlichen Wohlstands stattfindet“, erklärte Alberts.
Gerd Robbe von der ev. Familienbildungstätte in Emden und Bernhard Noormann, Geschäftsführer für die Männerarbeit im Sprengel der ev. Kirche Ostfriesland, unterstützten Spitzley in seinen Grundaussagen. Robbe befürchtete besonders, dass sich die Erziehungsprobleme weiter verstärken würden, wenn Väter noch weniger Zeit für ihre Kinder hätten. Noormann wies darauf hin, dass weniger Arbeit auch mehr Lebensqualität bedeute. „Auch die Zeit mit Kindern ist ein Gewinn“, so Noormann.
Hoppe, der sich bereits in seiner Anmoderation für eine gerechte Aufteilung von Erwerbs- und Familienarbeit aussprach, begrüßte die Ausführungen von Prof. Spitzley und versprach, sie im Rahmen seiner Möglichkeiten zu unterstützen. Wenn auch nicht alle Podiumsgäste den Ansatz von Spitzley, „kurze Vollzeit für alle“, teilen würden, so habe doch auch keiner die Forderung der Union nach Arbeitszeitverlängerung aufgegriffen. Klar feststellbar gewesen in der Diskussion sei für ihn das Votum für mehr Flexibilität bei der Arbeitszeitgestaltung gewesen. Eine Forderung, die auch von der Bundestagsfraktion B’90/Die Grünen sehr befürwortet und mitgetragen würde.
Zum Abschluss dankte er der Gruppe Amazing Routes 42, die mit ihrer musikalischen Untermalung zum Gelingen des Abends beigetragen hatten.